Plaisirklettern im Zillertal: „Au-Süd“

in der Supersommer (Foto: Fritz Amann)

Topo Zillertal Au -Süd

viele Neutouren von Fritz Amann

Plaisirklettern im Zillertal: „Au-Süd“ (von Fritz Amann)

Das Zillertal hat sich dem Klettertourismus geöffnet. Kletterer sind nun dort nicht mehr nur geduldet, sondern inzwischen als Gäste gerne gesehen. Viele Klettergärten wurden saniert, zusätzlich mit Parkplätzen, Toiletten und Zustiegen gut ausgestattet. Manch Senior-Kletterer mag den alten Zuständen am Fels vielleicht nachtrauern, eine Alternative zur modernen Entwicklung gab es wahrscheinlich nicht, denn die Anzahl der Kletterer stieg enorm. Waren vor 30 Jahren am Wochenende 2-3 Seilschaften in den „Ewigen Jagdgründen“ unterwegs, so muss man heute diese Felsen am Wochenende wegen Überfüllung fast meiden. Möchte man den Massen entgehen, kann man zum Beispiel nach „AU Süd“ fliehen. Hier ist man auch an einem Ferienwochenende ziemlich alleine, Mehrseillängenklettern ist out, uns gefällt´s trotzdem.

Inzwischen gibt es in „Au Süd“ 15 lange Routen. Meist handelt es sich um Touren überwiegend im 6.ten Grad mit Passagen im 7. Grad (UIAA). Wenige Klettereien haben Stellen im 8. Grad. Die kürzesten Touren sind 3 Seillängen lang, oft sind sie 4 bis 6 Seillängen, einmal sogar 11 Seillängen. Die Wand ist voll südseitig ausgerichtet, was bei den häufigen Gewittern am Alpenhauptkamm ein entscheidender Vorteil ist. Regnet es am Abend stark, ist die Wand am nächsten Tag nach 1-2 Stunden Sonne flott wieder trocken. Auch früh im Jahr (Ostern) kann man dort mit etwas Glück klettern. Ein weiterer Riesenvorteil: Mit 15 Minuten Zustieg ist die Wand selbst „Dschungelbuch-Beinchen“ zuzumuten. Beim Gestein handelt es sich um Granit/Gneis: Speckige Griffe wird es hier wohl nie geben, die Reibung ist fantastisch, allerdings sind manchmal auch die Füße mit exaktem Stehen gefragt. Die Kletterei insgesamt ist fast nie steil, eher senkrecht oder leicht geneigt. Manchmal fordern flachere Passagen eine gute Fußtechnik, jedoch nur wenige Stellen sind wirklich fiese Plattenkletterei. Jetzt aber, ehrlicherweise auch genannt: Es ist keine imposante Wand (in einer imposanten Granitwand gibt’s aber auch keine Touren im 6. oder 7.Grad). Immer wieder durchziehen Bänder die Wand. Das ist einerseits angenehm, weil man am Stand manchmal bequem im Schatten eines Baumes stehen kann, andererseits muss man manchmal wenige Meter über Schrofen oder zwischen Bäumen hochsteigen (einmal sogar 15m). Die Absicherung erhält 4 von 5 Sternen (vergleichbar der Alpawand in BGL oder dem Urlkopf in Lofer), also stets (sehr) fair, aber klettern muss man schon noch. Wer eine Chance hat, die Route onsight zu klettern , wird nicht zittern müssen.
Zu vernünftigen Preisen kann man am „Gasthof in der Au“ übernachten (oder zelten) und essen. (Wer sich ein Auto oder sogar einen VW-Bus leisten kann, soll bitte nicht wild campieren und in der Gegend rumkacken, höchstens mit dem Rad Anreisende dürfen das!). Ein stets aktuelles Topo liegt im Gasthof auf. Alle Touren kommt man mit einem 70er Seil wieder runter, ein Doppelseil ist angenehmer, aber nicht zwingend notwendig, Knoten in den Seilenden beim Abseilen eventuell schon.

Zusammenfassung: Die gegliederte Wand mit sehr gutem Fels bietet stressfreies Klettern. Auch Mehrseillängenanfänger, die einen 7er im Klettergarten ohne langes Hängen hochkommen, werden hier ihre Freude haben. Die Linienführung ist klar (den Bolts hinterher), die Stände haben zum Abseilen Ringe. Was ein Helm und eine Prusikschlinge sind, sollte man wissen. Im flacheren Gelände beim Abseilen den Seilersten ablassen, sonst gibt’s Seilverhau (Knoten am Ende!). Tolles Ambiente des Klettergebietes: Hochgebirgslandschaft, kein Lärm, über andere Kletterer freut man sich, kurzer Zustieg. Keine Schnarcher in der Hütte, da eigenes Zelt als Unterkunft, vernünftige Preise.

 

Die Routen:

1. Umleitung (1000m, 7- ) **(*)
Nach kurzem, hässlichem Einstieg ein bissiger, aber guter Fingerriss, ab der 2.ten Seillänge geht’s in eine nette Querungen über, die letzte SL ist dann mit der „Chickenheads plaisir“ identisch.

2. Halb breit (60m, 8- ) ***(*)
1.SL: Körperriss oder Piazen, beides geht nicht wirklich gut. 2. SL: stehen wie in den 80er Jahren auf extrem kleinen Kristallen. Geschmackssache , aber garantiert nicht „0815“. Wurde im Vorstieg eingebohrt, ohne vorheriges Erkunden! 

3. Chickenheads plaisir (90m, 7 ) ****(*)
1.SL : abdrängende Querung; 2. SL: schöne große Kristalle (Chickenheads) zum Festhalten – ein Traum; 3. und 4. SL: Bewegungsgefühl!; die letzte SL. ist leider etwas gesucht; ab SL. 3 ist immer wieder gutes Stehen gefordert.

4. Enttäuschung und Verzweiflung (80m, 7 und 1mal A0 oder 8) ***(*)
Wichtig: Name ist ironisch gemeint! Von allem etwas. Klettert man am Dach in der 1.SL. einen Haken A0, hat man eine tolle Tour im 7. Grad.

5. Leider geil (90m, 8-) ****
Name ist Programm, besonders die Kante der 2. SL. ist etwas Besonderes.  In der 1. SL. muss man ganz schön zupacken, außerdem ist sie kniflig, aber immerhin steile Wandkletterei.

6. Silbermond (170m, 7 oder 6+ und kurz A0) ***
Oft toller Fels, leider auch kurze, nicht so tolle Passagen. Klettert man die 5m PlattenSteh-Passage (Fußtechnik! -Geschmackssache) in der 5. SL. A0, hat man eine tolle lange Route im 6. Grad. 7.

7) Kuss oder Bus (120m) ****(*)
 Vom Einstieg aus unscheinbar. 4. SL. : sicher eine der besten der ganzen Wand: letzte SL: wackelig.

8. Pickel aus dem Sack (140m, 7) ***(*)
Gewöhnungsbedürftige Kletterei, oft wackelig auf den Füßen und viel Gleichgewicht, aber wenig Reibung. Gute Passagen, aber auch immer wieder mäßige Passagen. Im gesamten keine schlechte Tour.

9. Fast wie in der Halle (130m 7+) ***(*)
Name ironisch. 1. SL. macht Appetit aufs (Riss-)Klettern. 2. SL. leider Wald (nicht abschrecken lassen!), gleich danach wieder top: oben ein toller, weißer Piazriss, ganz oben ausgesetzt (vor allem das freihängende Abseilen). 

10. Eierschwammerlsackerl (65m, 6+ ) **
Leider ist die leichteste Route an der ganzen Wand auch die Schlechteste. Trotzdem nett, mehr aber auch nicht. Auf einem Band kann man oft das Abendessen ernten. Die 2. SL. quert nach rechts weg.

11. Supersommer (häufig 6 und 6+; SL. 5. und 7. SL.  jeweils kurz 7-) ****
Gesamt 11 Seillängen. Alle Klettertechniken sind gefordert. Unbedingt absteigen, den gelben Punkten hinterher. Ein gutes Topo gibt’s bei bergsteigen.com

12. Bodybuilding und Ballett (60m 7) ****(*)
Name ist absolut Programm: 1. SL: wirklich top, eine nach rechts ziehende Hangel; 2.SL. an der Schlüsselstelle nach unten (!) steigen; 3.SL. exakte Wandkletterei erforderlich.

13. Taxgratn Walzer (100m, 8- ) ****
Der Riss in der 3. SL: ist Klasse, die Chickenheads in der 4.SL. auch. 

14. 50er Krise (100m 7-) ****.
Interessante Tour, oben ausgesetzt.

15. Sport macht glücklich (100m, 7-) ****
5 kurze Seillängen, immer wieder durch Bänder unterbrochen. Mit 3 mal A0 in der 4. Seillänge (frei 8+) hat man eine schöne 7er Tour.

Über Fritz Amann: im September 95 emmigriert Fritz, berufsbedingt, halb freiwillig aus dem Frankenjura ins Chiemgau. Am ersten Wochenende seines hiesigen Daseins findet in Traunstein ein Kletterwettkampf statt. Auf der abendlichen Feier fragt er sich nach „begeisterten Routeneinbohrern“ durch und landet am Tisch von Josef. Sofort am nächsten Wochenende starten sie gemeinsam zur Loferer Alm und fangen neben Josefs schon fertigem Erstlingswerk „Made in USSR“ mit der „Versteckspiel“ an. Josefs alpine Erfahrung (man kann Stand z.B. auch an einer Latsche machen, nicht nur an einem einzementierten Bühler) beindruckt Fritz stark. Die, im Vergleich zur Fränkischen, doch beachtliche Wandhöhe bedingt ganztags einen leicht verkrampftem Kletterstil. 4 ganze Klettertage brauchen wir noch, bis die „Versteckspiel“ von oben fertig gebohrt und auch geklettert ist. Grobe psychische Leistungsausfälle sind bei Fritz noch lange Jahre, insbesonders bei großer Höhe oder nach wenig Schlaf festzustellen.
Von der Felsqualität in Lofer magisch angezogen, entstehen gleich im nächsten Jahr Schlag auf Schlag 3 neue Routen: „Bayrisch Creme“, „Vive la France“ und „Graues Buch“. Von einigen Paralellerschließern hart angegriffen wegen des moralisch bedenklichen Stils „von oben“ verlagern sie für ein ganzes Jahr ihre Aktivitäten von Lofer weg, zuerst mehr ins Tennengebirge. Jetzt wird endlich auch von unten (moralisch akzeptabel ?!) gebohrt. Dort gelingt mit der „Fun in the sun“ sicher die „plaisierste“ Route. Obwohl sie bewusst nicht veröffentlicht wird, um einen Massenandrang zu vermeiden, kommt es dort inzwischen regelmäßig zu Staus.

Mittlerweile gibt es vom Erschließerduo Brüderl-Amann unzählige Touren und so manche zählt sicher zu den ganz großen Plaisierklassikern im Ostalpenraum - hier ein Link zu ihrer Hompage (leider funktioniert da nicht mehr alles)